| Date: 2004-07-28 17:12:13 |
| From: knalli |
Subject: Pinot-Probe mit Johner & Co. |
| Da haben wir uns nach dieser endlosen 73 bis 92 Punkte Diskussion beim Michel Pronay getroffen, haben mit dem Gläschen Sekt aus der Ukraine den Garten, den Keller und die Wohnung besichtigt, haben ein wenig auf den Wettergott geschimpft, der uns den Garten und den Grill durch Kälte, Wind und später auch noch Regen vermieste, haben uns an den grossen ovalen Tisch gesetzt und hatten Spass. Viel Spass. Der Michel, die Uschi, die Sissy, die Katrina und ich. Und nur wegen euch Streithanseln hier im Forum habe ich mitgeschrieben... Also. Zuerst ein kurioses Ding: Sekt aus der Ukraine namens Odessa, trocken. Viel mehr konnten wir dem Kyrillischen am Etikett nicht entnehmen, der Plastikstöpsel hinterliess keinen Korkfehler ;-) Ziemlich hefige Nase, sehr wenig, aber eigentlich recht feines Mousseux, geschmacklich ziemlich neutral, nicht wirklich trocken, ein wenig nichtssagend und nicht besonders anregend. Michel: "Ein Freund von mir würde sagen: Ohne erkennbaren Fehler, 0 Punkte" Zur Einstimmung hatte ich 2 Weine von Weil mitgebracht. Rheingau Riesling Kabinett 2003, 8% Alk. Eigenartig säuerlicher floraler Duft, Löwenzahn, Eibisch und Ingwer aber auch deutlich Eiszuckerl. Am Gaumen fruchtsüss mit angenehmer Säure, mittlerer Körper und Abgang, erst nach ein bissl Luft kam ein überreife r Pfirsich dazu. Wirkt ein wenig "gemacht". Herzig, mehr nicht. 76 Punkte von mir, Michel 84. Es fiel das Wort "Supermarkt-Pfirsich" Rheingau Riesling Kiedrich Gräfenberg 2003 Erstes Gewächs. Wieder mal sowas für uns Österreicher: irgendwo unten am Etikett steht in einem schwarzen Feld in negativer dünner, kleiner Schrift mit komischen Ornamenten dazwischen diese Bezeichnung "Erstes Gewächs". Erstens muss man das erst einmal entdecken, dann mit diesem Begriff irgendwas anfangen können und dann weiss man aber immer noch nicht, ist das jetzt trocken oder nicht. Nun gut, er war relativ trocken und er war ziemlich gut: Sehr mineralischer, kräuterwürziger Duft, anfangs verhalten, mit etwas Luft zunehmend fruchtig nach Steinobst, Stachelbeeren, Litschi und Limetten. Am Gaumen wieder saftige Frucht und würzige Mineralik, sehr feines Spiel mit knackiger Säure, kräftiger Körper, viel Power und langer zitrusfruchtiger Nachhall. 91 Punkte bei mir, bei Michael Pronay 92-93. Inzwischen bereitete Katrina Pronay einen Snack zu: italienische Salami und Prosciutto, selbst getrocknete und eingelegte Tomaten (köstlich, köstlich) Bratlfett usw. Dann kamen wir zum Thema des Abends: Johners Spätburgunder SJ 2001. Und wir dachten uns, der Wein wird polarisieren, wir werden diskutieren, kosten und nachverkosten. Denkste. Wir waren uns alle einig, das ist niemals weit in den 80er Punkterängen, schon gar nicht 90er; da waren wir schon eher bei Sam, wenn auch nicht ganz so tief. Rauchiger, gezehrter Duft von unangenehmen Röstaromen geprägt, keine Spur von Schokolade, keine Beerenfrucht, kein Pinot-Charme, nix, eher eingetrocknete Zwetschken, feuchtes Leder, Zedernholz, alles nicht wirklich positiv. Am Gaumen unrund, bitter, scharf, deutlich Alkohol, trockene Tannine, marmeladig, wie Powidl, es dominieren herbe Noten und eine ziemlich agressive Säure, nicht sonderlich körperreich und relativ kurzer Abgang, der nur trockenes Tannin und Säure überlässt, keine Frucht, das kann, meiner Meinung nach, auch nicht mehr besser werden. Ganz anders als ich Johners Weine kenne. Meine erste Wertung war 78 Punkte, nach einiger Zeit nachverkostet und auf 75-76 abgestuft, der Wein hat innerhalb einer Stunde noch deutlich nachgelassen. Der Wein hatte aber keinen Korkfehler... Michael sah ihn bei max. 83, Sissy bei max. 75, Uschi "wenn Punkte sein müssen, dann 76-77", Katrina bei max.85 Dann kamen leider zwei Korkfehler: Hengl Pinot Noir 02 und Winkler-Hermaden Pinot Noir Reserve 01(beides Weine, die ich sehr gern mag, schade, schade) Auch der friulanische Teilnehmer, Castello S.Anna Pinot Nero 2001 dürfte einen Flaschenfehler gehabt haben, zumindest kannten ihn Uschi und Sissy wesentlich besser. Ich notierte kurz: medizinale Noten - so riecht eine alte Apotheke - Kräuter, etwas Minze und würzige Mineralik, kaum Frucht im Duft. Am Gaumen bitter und scharf. Keine Wertung. Der nächste Wein kam typisch aus dem Mittelburgenland. Monika Strehn Pinot Noir 2001. "Hollerkoch", dunkle Waldbeeren, Holunder, Brombeeren, diese so Mittelburgenland-typische würzige dunkle Mineralik, dicht und tief in der Nase. Am Gaumen fruchtig, wieder dunkle Beeren und deutlich Sauerkirschen, mineralisch-würzig, kräftiger Körper, schönes, elegantes Spiel und gute Länge mit viel Frucht im Nachhall. 88 Punkte. Michael: "vorn a bisserl gschert und hinten elegant - a witzige Kombination", das war ihm 86-87 Punkte wert. Ganz anders wieder der Pinot Noir 2001 vom Weingut Beck in Gols am Neusiedlersee. Kirschen, Heidelbeeren, Wacholder, schöne schokoladige Röstnoten (Mon Cherie) und ein wenig Marzipan im tiefen, vielschichtigen Duft. Am Gaumen sehr saftige Frucht, kraftvoll, vollmundig mit elegantem Spiel, schöne Balance, klingt lange nach und hat noch Potential für Jahre, sehr schön , wenn auch ein typisch Österreichischer Pinot. 92 Punkte. Michel gab 90-91. Es gab auch positive Überraschungen, die erste war der Pinot Noir 2001 von Fred Loimer. Ziemlich burgundische Pinot-Frucht, Weichseln, Himbeeren und Brombeeren mit zarten Röstnoten und feiner Mineralik im nuancenreichen Duft, feines Frucht-Säurespiel auch am Gaumen, kräftiger Körper, viel Power und Eleganz, trotz der Kraft fast verspielt, herrlich balanciert, sehr lang und fein, klingt sehr lange mit viel Frucht nach. Viel Potential und spontan wünschten wir uns Wild dazu... 94 Punkte bei mir, 92-93 bei Michael. Weingut Geisser, Pfalz, Spätburgunder trocken 2001, "Selektion im Holzfass gereift" Typisch deutscher "süsslicher" Spätburgunder mit Waldbeeren und leicht medizinalen Noten im Duft, etwas Schokolade, aber alles etwas süssliche Aromen ohne Finesse. Am Gaumen wieder süssliche Frucht mit deutlicher Säure, einfach gestrickt und etwas scharf (obwohl auf der Flasche nur 12,5% Alk. stehen), passabler Abgang. Ich meinte: "einfacher Trinkspass", wurde aber damit allein gelassen, die anderen fanden eher keinen Trinkspass im Glas, naja. Bei mir 76, bei Michael 81. Pinot Noir 1999, Weingut Höpler, Burgenland. Getrocknete Zwetschken, etwas Rumtopf aber auch Waldbeeren, Vanille und Zimt im gar nicht Pinot-typischen Duft, irgendwer meinte "das ist eher Zweigelt". Am Gaumen samtig, rund und saftig, wenn auch ein wenig vordergründige Frucht, mittlerer Körper, eher einfacher, fast rustikaler Stil, im Abgang etwas Schärfe und ein leichtes Bitterl. Einfacher Trinkwein ohne Finesse. Aus diesem Haus gibt es auch besseres. 81 Punkte, bei Michael 84. "Der stirbt im Glas" und "also i find den gar ned so schlecht" hab ich noch aufgeschnappt. Noch einmal Johner, der Wein, bei dem ich gewettet hatte, dass er sich gut entwickeln würde - und hier stimmts auch. Johner Spätburgunder SJ 1999. Zu Beginn Caramell und weiche dunkle Röstaromen, dann Brombeeren, Himbeeren, Weichseln, mineralische Noten und etwas süsser Pfeifen-Tabak, immer wieder neue Aromen duften da aus dem Glas, wird mit mehr Luft immer burgundischer, immer mehr Frucht. Am Gaumen sehr harmonisch, rund und elegant, wieder viel Frucht (gar nicht marmeladig!) und zarte mineralische Noten, kräftiger Körper, aber sehr geschmeidig, füllt den Mund ganz sanft völlig aus und klingt sehr lange nach. Hat immer noch Potential für einige Jahre. Bei Michael und mir einige 91 Punkte. Die Damen sahen den Wein allerdings etwas anders- aber ich nehme an, hiezu wird sich Uschi selbst äussern. Die zweite Überraschung kam aus Franken, der Spätburgunder 2000 "Vögelen" von der Nordheimer Winzergenossenschaft. Feiner burgundischer Duft, leicht röstig mit Weichseln und Brombeeren und zarter mineralischer Würze. Am Gaumen saftige Frucht, dicht und vollmundig , schönes Spiel mit viel Power und Kraft, noch etwas dominantes Holz, das sich aber bereits schön einbindet, dunkle Fruchtaromen im langen Nachhall, Potential. Auch hier waren Michel und ich uns einig: 89 Punkte Pinot Noir 2000, Weingut Scheiblhofer, Andau, Neusiedlersee, Burgenland. Leicht laktische Noten, bissl Röstaromen und kaum Frucht im Duft. Am Gaumen dicht, vollmundig und röstig, wieder kaum wahrnehmbare Frucht, ein wenig Weichsel und Oliven, kräftige Säure und langer Nachhall, aber insgesamt nicht harmonisch, ich bezweifle, dass das noch besser wird. 84 Punkte. Michael sieht ihn etwas besser: 86-87. Pinot Noir 2001 von Gernot Heinrich, Gols, Neusiedlersee, Burgenland. Tiefer voller Duft, dunkle "Schokofrucht", typisch Pinot Noir (wenn auch typisch Burgenland - aber "at it's best"), Kirschen, Weichseln und dunkle Beeren, vielschichtig und betörend. Am Gaumen saftige Frucht, dicht, komplex, kräftig und doch fast tänzelnd, geschmeidig und seidig, zarte Röstnoten, perfekt integriertes Holz, unglaublich lang und fruchtig ausklingend. Fast von allem ein wenig zu viel (so das möglich ist). 93 Punkte von mir, weil ich meine, dass 2001 noch eine Spur mehr Eleganz möglich gewesen wäre und ich das beim Pinot lieber habe, als diese Wuchtigkeit (Kritik auf sehr hohem Niveau...) Michael mag ihn genau so und gibt 95 Punkte. Damit waren die Pinots durch, leider klafften sowohl bei Michael, als auch bei mir, bei den Burgundern der trinkbaren Jahrgänge riesige Lücken, sodass wir keine Originale dazu stellen konnten, aber das holen wir nach. Nun noch Dank an Michaels Liebste: Katrina briet nun noch herrliche Schweinslungenbraten-Stücke zu frischen Kartofferln. Was uns noch einmal in den Keller zwang um jeweils einen Lieblingswein zu holen: Verzeiht, dass ich die nun nicht mehr im Detail beschrieben habe - aber Genuss geht einfach vor: Mein Liebling ist der Solitaire von Feiler-Artinger 2001, der meiner Meinung nach eleganteste Rotwein Österreichs, der so wunderbar aufzeigt, was Österreich kann: diese Frucht, diese Eleganz dieser Körper und dieses perfekte Begleiten eines Essens; der mir sofort wieder 95 Punkte entlockte. (Und viele Leute meinen 2001 sei nicht gut...) Michaels Liebling ist der Marienthal 2000 vom Ernst Triebaumer, einer der berühmtesten Weine Österreichs aus dem Paradejahr 2000, der zeigt, was man aus Blaufränkisch mit Geduld und Können herausholen kann. Mächtig und saftig, komplex und elegant, auch hier 95 Punkte. Zur Nachspeise, ein von Uschi fabriziertes Schoko-Chili-Mousse (Danke!!!) passte der Cabernet Franc von Monika Strehn ganz wunderbar und den noch eingekühlten süssen Weil haben wir dann einfach zu gelassen, den soll der Michael irgendwann mal beschreiben, wenn er Lust drauf hat... Alles in allem ein herrlicher Abend bei wunderbaren Gastgebern, mit wunderbaren Weinen, viel Genuss, viel "unglaublich wichtiges Gequatsche" und viel Spass. Ohne jede Verbissenheit ;-))))) Lieben Gruss Knalli |
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